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Kommentare: 5

  • #1

    bgtmediation (Montag, 21 Dezember 2009 13:50)

    Antwort von Ernst Baumgartner: Sehr geehrte(r) E. Eine grundsätzliche Antwort ist, dass die Mediatoren keine Kenntnisse über den Konfliktgegenstand haben müssen. Die Mediatoren sind die Spezialisten in Bezug auf die Einhaltung des Mediationsprozesses. Bei speziellen Fällen ist sehr empfehlenswert, dass bei komplizierten Fragestellungen externe Spezialisten gezielt in die Mediation eingeladen werden (in Ihrem Fall, z.B. einen Bauingenieur, Statiker, die Versicherungen, ev. die Anwälte). Persönlich bin ich der Meinung, dass Grundkenntnisse in Bezug auf den Konfliktgegenstand beim Mediator vorhanden sein sollten, oder / und dass ein eventuell eingesetzter Co-Mediator über Fachkenntnisse verfügt. Es ist aber auch ein Nutzen für den Prozess, wenn der Mediator, gezwungen durch seine nur oberflächliche Kenntnisse, scheinbar „logische“ Fragen stellen muss. Solche Fragen können bei den Beteiligten zum Schmunzeln führen (was übrigens auch bei Mediationen erlaubt und willkommen ist), oder sogar einen Betrag leisten für einen Perspektivenwechsel. Ein Perspektivenwechsel der beitragen kann, dass die ganze Situation aus einem anderen Blickwinkel in „einem neuen Licht“ erscheint. Der zweite Teil Ihrer Frage kann etwas schneller beantwortet werden. Der Mediationsprozess ist auf, wie in Ihrem Fall beschrieben, komplexe Aufgabenstellung ausgerichtet. Eine aktuelle Umfrage vom Dachverband der Mediation Schweiz zeigt eine hohe Erfolgschance solcher Fälle durch Mediation mit einem Durchschnittlich von 80%. Und erfolgreich würde in Ihrem Fall nicht nur bedeuten, dass eine tragfähige Lösung gefunden werden kann, sondern dass die Beziehung zu den Geschäftspartnern sich wieder deutlich verbessert.

  • #2

    K.B. (Dienstag, 22 Dezember 2009 23:40)

    Frage: Für was brauchen wir überhaupt Mediation in der Schweiz? Gerade unser Land, das seit vielen Jahrhunderten gewohnt ist, mit der direkten Demokratie umzugehen und gute Lösungen mit Kompromissen zu finden? Ist das nicht wieder das alte Lied mit dem alten Wein in neuen Schläuchen? Eine Modeerscheinung bis die Nächste kommt?

  • #3

    bgtmediation (Donnerstag, 24 Dezember 2009 14:39)

    Antwort von Ernst Baumgartner: Sehr geehrte(r) K.B. Genau diese Gedanken habe ich mir vor meiner Mediationsausbildung an der Uni St. Gallen gemacht. Dieser wertvollen „Schweizerische-Kompromiss-Tradition“, ist vermutlich zu verdanken, dass die Deutschschweiz gegenüber den umliegenden Ländern sehr spät begonnen hat sich mit Konfliktlösungskonzept „Mediation“ zu beschäftigen. Ich weiss nun, dass die Mediation keine Modeerscheinung ist, weil sie nicht nur eine lange Tradition hat, sondern nun auch auf Gesetzesstufe (ZPO-Zivilprozessordung / Grundsatz: "Zuerst schlichten dann richten) per 2011 eingeführt wird.
    Geschichte: Erstmals Erwähnung fand ein Mediator als Vermittler im 30 jährigen Krieg (1648 Aloysius Contareno Legatus et Mediator). Ein wichtiges Ereignis für die Entwicklung der heute praktizierten Mediation war die Einführung des amerikanischen "Superfund"-Gesetz, das zustande kam, nachdem der damalige US-Präsident Jimmy Carter 1978 erstmals aus ökologischen Gründen den Notstand ausgerufen hatte. Der Superfund war mit ca. 5 Mrd. US$ dotiert. Nachdem festgestellt wurde, dass die Hälfte dieses Betrages an Rechtsanwälte gehen würde, wurden andere Verfahren gesucht, die schnellere und günstigere Lösungen bei Streitigkeiten anstrebten. Der Grundstein für die Mediation von heute war damit gelegt. Die Mediationsprozesse wurden laufend weiterentwickelt und werden heute an Fachhochschulen und der Universität St. Gallen mehrheitlich einheitlich vermittelt.
    Aus meiner persönlichen Sicht ist die Mediation ein Konfliktlösungsweg, der ein grosses Potential hat in allen Bereichen des täglichen Lebens. 2008 wurden in der Schweiz über 5‘000 Mediationen durchgeführt mit einer durchschnittlichen Erfolgsquote vom hohen 70.4%. Mediation ist ein Verfahren nachdem ich gesucht habe. Seit 15 Jahren begleite ich auf Managementstufe verschiedene Arten von Veränderungsprozessen; z.B. Reorganisationen, Fusionen, Grossprojekte. Dabei gab es für mich immer zweit betriebswirtschaftlich zentrale Fragen:
    1. Wie kann diese Veränderung in möglichst geringerer Zeit, mit geringstmöglichem Aufwand, mit einer hohen Akzeptanz und möglichst ohne Abgang von Schüsselpersonen geschehen?
    2. Weil Konflikte in Betrieben Frühindikatoren für nötige Veränderungen sein können, wie können dann diese frühzeitig, möglichst mit standardisierten Prozessen (Konfliktmanagement-Systemen) erkannt und händelbar gemacht werden? Damit die Verluste an Zeit, Geld, Mitarbeiter, Kunden etc. möglichst tief gehalten werden können?
    Für beide Fragen habe ich in meiner Mediationsausbildung Antworten gefunden. Wichtig für mich ist auch der Umstand, dass es bei der Mediation nicht einfach nur um die Bearbeitung von Softfaktoren geht, sonder wie die neuste Studie von KPMG zum Thema Konfliktkosten zeigt (und z.B. auch „Fortune 500“ nachweist), darum geht betriebswirtschaftliche relevante Kosten zu reduzieren, die jährlich in einem fünf bis siebenstelligen Bereich (je nach Grösse der Firmen) liegen.
    Erschreckt hat mich ein Artikel in der NZZ (Woche 51/2009 „Whistleblower besser schützen“). Hier befasst sich der Bundesrat mit einem besseren Schutz dieser „Whistleblower“. Hier vertrete ich die These, dass die „Whistleblower“ die schlussendlich dem Unternehmen erheblich Schaden zufügen können, diese „Funktion“ nicht von Anfang an haben. Es sind meist sehr engagierte Mitarbeiter die auf Missstände hinweisen und im Laufe der Zeit, wenn sie nicht gehört / verstanden werden zu einem Mittel greifen, dass ihnen selber schadet. Mit einem Konfliktmanagementsystem und Mitarbeiterschulung zum Thema „Umgang mit Konflikten“ – „Mediatives Verhalten in Betrieben“ wäre solches auf ein Minimum zu reduzieren.
    Einverstanden, meine Antwort ist etwas sehr ausführlich. Ich will damit sagen, dass Mediation gerade in der heutigen Zeit ihren berechtigen Platz bei der Schlichtung von Privatkonflikten, Konflikten in Organisation und im öffentlichen Bereich hat. Es ist mir aber wichtig, dass ich Mediation als ein gutes Instrument empfehlen kann, es kann aber nicht einfach Alles! Auch Mediation hat ihre Grenzen!

  • #4

    Chr. K (Donnerstag, 21 Januar 2010 15:18)

    Frage, wir haben im Betrieb ein nun schon länger andauernden Konfliktfall mit Mobbingvorwürfen von Seiten der einen Partei. Das sonderbare Verhalten des einen Mitarbeiters hat die Sitution stark eskalieren lassen. Dieser Mitarbeiter ist nun seit kurzem krankgeschrieben. Ist Mediation auch in diesem Fall möglich?

  • #5

    Peter Plangger (Sonntag, 24 Januar 2010 13:08)

    Antwort von Peter Plangger: Sehr geehrte (r) Chr. K. Wo Menschen sich in Auseinandersetzungen verstrickt haben und nicht ohnen fremde Hilfe herausfinden,stellt Mediation eine probate Alternative zu gängigen Verfahren dar. Grundsätzlich eignet sich auch Ihr geschilderte Fall für eine Mediation. Um auf Ihre Frage detailiert eingehen zu können, müsste man den Fall etwas genauer kennen.
    Allerdings gibt es auch wichtige Gründe, warum eine Mediation nicht angewendet werden sollte. Ich möchte aus dem Buch des Beobachters "Mediation" (ISBN 3 85569 335 8)zitieren und kurz darlegen, wann eine Mediation nicht angewendet werden sollte.
    Mediation fordert Courage zur Ehrlichkeit.Für eine konstruktive Konfliktlösuntg braucht es Mut, sich offen und aufrichtig auf den Prozess einzulassen. Sind Offenheit und Aufrichtigkeit nicht vorhanden, fehlt eine wichtige Grundvoraussetzung für die Mediation. Schlimmer noch, sie könnte im Extremfall zur Gewinnung von Informationen missbraucht werden.
    Mediation basiert auf Freiwilligkeit. Das meint, dass Perteien selbstbestimmt entscheiden, ob sie in eine Mediation einwilligen wollen oder nicht. Zwang durch Dritte wird den Erfolg einer Mediation gefährden. Ist die Freiwilligkeit nicht gegeben, wird die Mediatorin es unter Umständen ablehnen, eine Mediation durchzuführen.
    Mediation setzt auf die Kraft der Sprache und nicht auf diejenige von Fäusten. Gewalt hat in einer Mediation nichts zu suchen. Tragen Parteien ihre Auseinandersetzung gewalttätig aus, sind sie zu einer Mediation (noch) nicht bereit: Der Konflikt wird auf einer zu hohen Eskalationsstufe ausgetragen.
    Mediation schert sich nicht um Rang und Namen.Die Allparteilichkeit des Mediators stellt sicher, dass die Parteien in der Konfliktbearbeitung einander ebenbürtig sind. Wo ein zu grosses und unüberwindbares Machtgefälle zwischen den Parteien besteht, eignet sich Mediation nicht zur Konfliktlösung. Ein Machtungleichgewicht besteht ebenfalls, wenn der einen Partei eine gute Alternative zur Verfügung steht, etwa durch intakte Chancen auf ein positives Gerichtsurteil. Sie wird kaum zu echten Zugeständnissen bereit sein. Umgekehrt wird sich die Partei mit äusserst schlechten Karten unter Umständen zu Zugeständnissen hinreissen lassen, die sie in der Folge nicht einlösen kann. Beide Ausgangssituationen sprechen gegen eine Mediation.
    Mediation baut auf Autonomie und Selbstverantwortung. Menschen die aufgrund einer (psychischen) Erkrankung oder einer ausgeprägten Suchtproblematik nicht in der Lage sind, ihre Bedürfnisse und Interessen zu vertreten, solten nicht an einer Mediation teilnehmen. Dasselbe trifft auch auf traumatisierte Opfer von Gewalt zu.
    Grundsätzlich lohnt es sich aber auf jeden Fall , die Möglichkeit der Mediation in Betracht zu ziehen. Ein Vorgespräch könnte allenfalls für eine Entscheidungsfindung (Mediation JA oder NEIN) sehr hilfreich sein.

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